KATJA PELZER

Der Butler öffnet die Tür. Er trägt eine runde Brille und eine graugemusterte Fliege. Rasch streift er die blütenweißen Handschuhe über. "Die Herren sind noch nicht fertig", verkündet er und lacht. "Aber kommen Sie ruhig herein." Es geht zwei schmale Treppen hinan, Vorsicht Kopf, in den obersten Raum der historischen Stammenmühle in Nettetal﷓Hinsbeck.

Hier in trauter Tafelrunde sitzen sie, die Friends of British Royalty (Freunde der britischen Monarchie). Zweimal im Monat. Fünf an der Zahl. Gewandet in dunklen Zwirn. jeder eine blutrote Samtschärpe über der Brust. Damenbesuch ist tabu, bei Journalisteninnen wird eine Ausnahme gemacht. Die Queen hängt gerahmt an der Wand. Über ihr eine güldene 75. Charles, Prince of Wales, schaut ihr gegenüber ins Fünf-Meter﷓Durchmesser﷓Rund.

Der Union Jack wallt von der Treppe. Ein Londoner Straßenschild und eine Original Palastwachenuniform sind weitere Devotionalien. Ach ja, und der Antwortbrief auf die' guten Wünsche, die aus Hinsbeck zum 100. Geburtstag an Queen Mum gingen. Ein schwarzer Trauerflor ziert das Schreiben aus dem Clarence House.

Vorhang auf, das Spiel kann beginnen. "So, jetzt müssen wir auf die Queen anstoßen", sagt Geigenbauer Bernhard Zanders alias Bernhard Laird of Glencairn. "Könntest Du mal den Whiskey bereiten", wendet er sich an den Butler, Reinhold Funken. (Funken, wie Funkenmariechen", sagt der Reinhold. "Nur eben Funkenreinhold", albert Wirtschaftsingenieur Erhard Scholz.) Ein Schluck des Lebenswassers ruht am Grund des Glenfiddich Glases. "Maßvoll" nennt das der jüngste im Bunde, Student Bastian Rütten (23). Es dürfe schließlich nicht in ein Besäufnis ausarten.

Das ist hier kein Stammtisch, nein, darauf legt Mann wert. Die Runde erhebt ihr Glas zum Toast. "Gentlemen - The Queen", sagt der verkleidete Geigenbauer mit voller Stimme. "The Queen", antwortet ein Chor. Der Besucher fühlt sich in die holzgetäfelte Behaglichkeit eines englischen Clubs versetzt. Dann riecht es nach Zigarre. Der jüngste Laird gönnt sich eine Havanna.




Niemals aufgeben

Man kommt zum Pfälzer Weißwein. Der Butler sorgt für Gebäck und antialkoholisches Getränk. Die britische Gentlemankultur soll über Hinsbeck auf dem Kontinent etabliert werden, so das Anliegen der Niederrheiner. Ihr Traum: einmal von der Queen geladen zu wer en. Ihren ersten Brief hat die Monarchin nicht zu beantworten geruht. Das wurmt die Herren. Nun harrt man in der Hinsbecker Schweiz, auf "dem höchsten Punkt zwischen Köln und London", einer neuen Chance: Ein Mitglied aus Karlsruhe ersucht das königliche Sekretariat derzeit um eine Audienz.

Nicht umsonst lautet das Motto der Elisabeth﷓Bewunderer "Don't ever give up".

In London waren die Lairds schon. Haben versucht, Elisabeth II. zu besuchen. Begleitet von zwei Kamerateams. Höhepunkt der Reise war ein Ständchen vor dem Buckingham Palast. "Wir haben der Queen ein Lullaby gesungen, Beautiful Lady" Mit fünf Bassstimmen auf der Melodie von Don McLeans "Beautiful Baby".


Bei Madame Tussaud’s haben sie die Queen doch getroffen, wenn auch nur die Wachsausgabe. (Foto: privat)

Die nächste Anekdote erzählt der ältest;e Laird. Winfried (67). "Wir stehen vor Westminster Abbey und kommen ins Gespräch mit einem Engländer in feinem Nadelstreifen`. Dieser erzählt, dass er Angestellter der Kirche ist und wünschte ihnen Glück, dass sie bei der Königin vorstellig werden können. Später im Wachsfigurenkabinett von Madame Tussaud entdecken sie neben dem künstlichen Doppelgänger des Papstes das wächserne Ebenbild des Kirchenangestellten. Erzbischof von Canterbury lesen die verdutzten Deutschen.

Der Buckingham Palast kann warten. jährlich paradieren sie durch Hinsbeck, um den Geburtstag der britischen Königin zu begehen. Den Einheimischen ist das Ganze suspekt. Den Zugereisten macht's Spaß.

Bis es endlich eine Einladung gibt, unterhalten sich Hinsbecks Gentlemen gepflegt und emotionsfrei. Diskutiert wird nach britischer Manier, "weltläufig, humorvoll" über Dinge des Weltgeschehens, bis auf Autos, Fußball und Frauen. Wobei es eine Ausnahme gibt ﷓ Elisabeth II. "Die ist eine Frau, kann man nix machen", hat sich das Quintett abgefunden.

Mehr unter www.royaltyfriends.de


Kleine Mühlenkunde

Ein elitärer Kreis

Treffpunkt der Royalisten ist die Hinsbecker Stammenmühle, erbaut 1854. Bis 1928 mahlte der Müller sein Korn. Danach verfiel das Bauwerk. Anfang der 50er befand sich auf der Mühle eine Relaisstation, so konnte die Krönung der Queen an den Niederrhein übertragen werden. Ab 1955 wurde sie wieder in Stand gesetzt. In den 90﷓er Jahren renovierte Bernhard Zanders das Gebäude gemeinsam mit zwei anderen Royalisten. Heute hat er hier seine Geigenbauwerkstatt.

In den Genuss des Titels eines schottischen Laird kamen die Herren durch den Ankauf je eines Squarefood (30x30 Zentimeter) im schottischen Hochland, in der Lordschaft Glencairn. Auf diese Weise beteiligen sie sich an einem britischen Naturschutzprojekt.

Mitglied bei den Friends of British Royalty zu werden, ist schwierig. Wer banal anfragt, wird laut Satzung abgelehnt. Nur wen die Freunde der britischen Monarchie berufen, wird aufgenommen.


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